Auf, in die Hoehen Ecuadors

Ecuador, das Land am Aequator, da denkt man sicher automatisch an tropische Hitze mit allem was dazu gehoert. Und hiermit kann ich am 11. Tag in Ecuador auch endlich dieses bestaetigen. Allerdings habe ich mich zuvor erst einmal anderthalb Wochen in das ecuadorianische Andenhochland begeben, in dem ich ja praktisch mit einer Hoehe um die 3000m seit der kolumbianischen Grenze schon war.

Am 20.03.2008 radelte ich also bei fruehlingshaften Temperaturen nach knapp 8500km im 10. Land meiner Radtour ein. Selbst das 4-stuendige Warten fuer die Grenzabfertigung gab mir kein Abflauen der guten Laune. Nach kurzem kraeftigem Anstieg erreichte ich auch gleich Tulcan, die erste Stadt auf ecuadorianischer Seite. Neugierig schaute ich in die ersten Laeden, welche neuen Schlemmereien dieses Land fuer mich bereit haelt. Die Baeckerei ist dafuer immer der richtige Anlaufpunkt emoticon

Ein bisschen Zeit verblieb noch am heutigen Tag, sodass ich gleich einen weiteren maechtigen Anstieg von 20km Laenge auf mich nehmen konnte, um danach wie im Sausewind mit bis zu 80km/h nach San Gabriel einrollen konnte. Den Aequator am Fruehlingsanfang um 12 Uhr Mittags zu besuchen, hatte ich mir nicht zuletzt durch die Verzoegerungen an der Grenze bereits abgeschrieben. So rollte ich weiter tief in das Tal des Chotaflusses hinein. Hier wurde meinem Gedanken von der ecuadorianischen Anden Bevoelkerung, den Indianern mit ihren Panamahueten und Ponchos, mit wachendem Auge auf ihre Lamas, ein kraeftiger Schock versetzt. Ich rollte in Schwarzafrika ein, so kam es mir zumindest vor. Doch alle schwarzen sprachen spanisch?! Ja, es sind die Nachkommen der ehemaligen Sklaven, die afroecuadorianer, die sich hauptsaechlich in diesem Tal niedergelassen haben. Ein ecuadorianer sagte einmal zu mir, auf meiner Herkunft als Europaeer, da gibt es doch viele die Denken, Ecuador liegt in Afrika, weil die Fussball Nationalmannschaft nur aus farbigen besteht. Ich musste ganz schoen schmunzeln…

Nach dem Taleinschnitt durfte ich gleich wieder maechtig in die Pedalen treten, um mich 1000m, oder ein Stockwerk hoeher in die Anden, nach Otavalo, zu begeben. Es was Karfreitag und ganz schoen was los hier. Normalerweise geht der Trubel hier jeden Samstag ab. Das ist, wenn der bei Touristen beliebte und bekannte Markttag statt findet. Die in der Gegend wohnenden Otavalo-Indianer sind bekannt fuer ihre orginellen und vielfaeltigen Webarbeiten. Somit hatte ich auch gleich zwei Dinge auf einen Schlag zu begutachten. Zum einen die Osterprozesion, dessen tausende Menschen am Freitag Abend in den Strassen verfolgten. Zum anderen den Markttag, den ich um 7 Uhr in der fruehe besuchte, um den zu Scharen einfliegenden Touristenstroemen am spaeten Vormittag aus dem Weg zu gehen.

     Otavalo Indianerinnen auf dem Weg zum Markt

Nach Otavalo geht es weiter Bergauf und gleich rueber, ins naechste Andenhochtal, wo schon der Aequator auf mich wartete. Endlich war es also geschafft, und ein vielgehekter Traum ging in Erfuellung. Ich radelte nach 8686km ueber den Aequator. Und ob ich jetzt einen Tag frueher hier gewesen ware oder nicht, wegen dem Mittagssonnenstand, das haette keine Rolle gespielt, denn es war sowieso bedeckt. Dadurch hatte ich auch keinen Blick zu dem maechtigen Cayambe Vulkan, der mit 5790m nicht nur die dritthoechste Erhebung Ecuadors, sondern der hoechste Berg auf der Aequatorlinie ueberhaupt ist. So rauscht ich also in die suedlichen Gefilden unserer Erde, bzw. auf die suedliche Erdhalbkugel ein.

am Aequator

Nun war Quito, die Hauptstadt bereits zum greifen nah, wenn da nicht wieder so ein maechtiger Einschnitt in Form von einer Schlucht waere. Mal eben 1000m runter und drueben wieder hoch, bis ich die ersten Haeuser Quitos bereits ueber die Flanken des 2900m Hochtals ueberquellen sah. Die Badewanne Quito scheint vollgebaut zu sein und nun laeuft sie halt an ihrem Ostrand ueber, so kam mir das vor. An der Westseite verhindert das naemlich die ueber 4600m Hohen Pichincha Vulkane. In Quitos Innenstadt fahren jetzt O-Busse, so wie man das einst von Weimar kannte. Hier als super Erungenschaft gepriesen und als Metro bezeichnet, hat das Quito ein wenig Luft zum Atmen in die Innenstadt zurueck verschafft. Allerdings ist mir der Atem jenseits dieser O-Bus Linie durch das Ausbladen der Dieselrussabgase sosehr stecken geblieben, wie auf der gesamten Reise noch nicht. Wenn die Leute in Deutschland gegen Feinstaub durch Autoabgase wettern, dann fuehlst du dich hier in Quito wie nach der Sprengung in einer Kohlegrube. Die Stadt hat aber, wie schon erwaehnt, gerade in der Innenstadt eine ganz feine Altstadt zu bieten. Hier bezog ich fuer 2 Naechte Quartier, haette die zweite Nacht allerdings nicht gleich bezahlen sollen, weil ich in einem schaebigen Loch unterkam, wo ich mir noch nicht einmal traute die Dusche zu benutzen - und das soll bei meinem durchschnittlichem Hygienestand schon was heissen! Vom im Bett schlafen mal ganz abgesehen… Die dritte Nacht in Quito verbrachte ich dann im "modernen" Zentrum. Zwei Dinge standen fuer mich ganz oben auf der Prioritaetenliste fuer Ecuador. Zum einen die Besteigung einen der Schneebedeckten Vulkane, wenn moeglich den Chimborazo, mit 6310m dem hoechsten. Zum anderen der Besuch der Galapagos-Inseln, eine allseits bekannte Inselgruppe die ploetzlich zum Greifen vor mir lag. Nun verbrachte ich also den letzten Tag in Quito nicht mehr mit der Besichtigung der Stadt, sondern mit dem Durchforsten der Reisebueros, um meine Moeglichkeiten fuer die beiden Unternehmen abzustecken. Am Ende des Tages konnte ich zumindest schon einmal ein Bingo verzeichnen, denn es geht am 18.04. fuer 8 Tage auf die Galapagos Inseln zu einer Kreuzfahrt. Zum Glueck konnte ich das von mir zuvor gesetzte Budget halten, in dessen Rahmen die Besichtigung des Inselarchipels erst moeglich wird. Die zweite Sache, die Besteigung eines Vulkans in 5000 - 6000m Hoehenlagen konnte ich hier noch kein Zugestaendnis geben, weil meine Hoehenakklimatisierung noch nicht soweit vorangeschritten war, um den saftigen Kosten eines Bergfuehrers gerecht zu werden. Somit wollte ich vorher noch einige andere Paesse auf der von Humboldt bezeichneten "Strasse der Vulkane" schlucken.

  Umweltfreuntliche Busse sorgen dafuer, dass das Eis in Quito’s Innenstadt wieder schmeckt

So verliess ich dann Quito mit der Vorfreude auf die Galapagos Inseln im Bauch und radelte auf den Cotopaxi, die Nummer zwei Ecuadors, zu. Hier hatte ich fuer 5 min das Glueck, dessen Schneekappe zu sehen, bevor er sich wieder in den Wolken versteckte. Auf gleicher Hoehe mit dem Vulkan, der uebrigens mit 5897m der hoechste noch aktive Vulkan der Erde ist, erreichte ich mal wieder einen neuen persoenlichen Hoehenrekord mit 3525m. Damit rueckt der "Cerro de la Muerte" von Costa Rica etwas in den Hintergrund, um eine Erkenntnis weiter in den Vordergrund zu schieben, dass naemlich der Cerro de la Muerte nicht der hoechste Strassenpunkt der Panamericana zwischen Alaska und Feuerland war. Das auch dieser 3525m Pass nicht das non plus ultra ist, merkte ich auch gleich am naechsten Tag. Natuerlich gings erst mal wieder mit 1000m kraeftig bergab, sozusagen Luftholen fuer den Anstieg auf ca. 3600m. Hier war ich nun auf gleicher Hoehe mit dem Chimborazo, der sich aber fuer den Moment ebenso sie all die anderen Vulkane meistens ueber einer Woklendenke versteckt. Aber sein mit 5020m hoher Nachbar, der Carihuairazo, zeigte sich fuer Sekunden. Im Tiefflug rollte ich in Riobamba ein, einem Ort, der sich zum Mekka fuer Bergsteiger, Trekker und MTB’ler entwickelt hat. Hier sollte ich eine Agentur finden, die mir eine Besteigung des 6310m Chimborazo-Riesen ermoeglichen sollte. Bei solch einem Unterfangen in gewaltige Hoehen liegt das Risiko des nicht erreichens bei 60%. Davon fallen nur 20% auf schlechte Wetterverhaeltnisse zu buche, der Rest der Umkehrer muss sich damit zufrieden geben, an das maximum seiner Leistungsgrenze und darueber gegangen zu sein, den Gipfel vor sich liegend dennoch den Ruecken zu kehren. Wohin sollte ich gehoeren? Das stand in diesem Moment noch weit in den Sternen geschrieben, zumal ich ja nur einige Stunden mit der erreichten Hoehe von 3600m einen neuen persoenlichen Hoehenrekord verzeichnete.

    ecuadors Vulkane verstecken sich zu dieser Jahreszeit gerne hinter dicken Wolken, und blinzeln doch manchmal durch…

Die Frau in der Agentur gab mir den Ratschlag noch einen weiteren Tag mit der Besteigung zu warten, um in San Pablo, einem Dorf auf 3850m, nahe des Vulkans zu schlafen. Dort gaebe es auch Wanderwege, um auf umligende 4000′er zu steigen. Also radelte ich am naechsten Tag gleich die 37km hoch nach San Pablo, um am Nachmittag noch auf 4300m zu kraxeln. Damit hoffte ich, physisch und mental soweit vorbereitet zu sein, um einen Gipfelsturm zu wagen. Der sollte allerdings noch einen weiteren Tag aus sich warten lassen. Zuvor holten mich erst einmal Raul, mein Bergfuehrer, mit ca. 200 Chimborazo Besteigungen, ein erfahrener Man, und desse Chauffeur, ab. Wir fuhren zum letzten Strassenpunkt am Vulkan auf 4850m. Von hier marschierten wir Zur letzten Schutzhuette auf 5000m, wo wir bis Mitternacht verweilten bzw. schliefen. Der Wecker klingelte bereits 23.00 Uhr. 4 Stunden hatte ich zu diesem Zeitpunkt im Bett gelegen. Ich war so aufgeregt wie ein kleines Kind vor Weihnachten, sodass an schlafen nicht zu denken war. Ausserdem ist auf 5000m die Luft bereits schon maechtig duenn, was mich von einer normalen Atmung abhielt und auf die "dreimal Atmen und einmal tief Luftholen Technik" umsteigen liess. Zum Glueck hatte ich keinerlei Kopf- bzw. Wadenschmerzen, Symptome der Hoehenkrankheit. Die Berghuette hatte sich im Laufe des Abends gut gefuellt. Da waren unter anderem ein Schotte, der bereits auf saemtlichen Gipfels dieser Erde zu gange war, wie es schien. Ein Rumaene, der noch vor 2 Tagen zusammen mit dem Schotten den Cotopaxi bestiegen hatte, eine Spanierin und um Mitternacht noch so manch andere. So zogen die 5 Gruppen mit deren Bergfuehrern gegen Mitternacht, am Tagesbeginn des 29.03.2008 zum Gipfelsturm los. Noch einmal gingen mir die Grabsteine der verunglueckten Bergsteiger respekteinfloessend durch den Kopf, bevor ich die Steigeisen unter die Schuhe schnallte, den Klettergurt fest zurrte und mit Eispickel in der Hand, bewaffnet hinter Raul daher trottete.

  Blick von meinem Quartier in 3840m zum fast Wolkenfreien Gipfel des 6310m Chimborazo, sowie die zur Hoehenakklimatisierung dienende Paramo Wanderung auf 4000m Hoehe

Wir gingen im Schneckentempo, dabei war es noch falch. Spaeter sollte ich feststellen, das dieses Schneckentempo mir wie ein 100m Sprint vorkommen sollte. Doch fuer jetzt war das ein angenehmer Spaziergang, der mich noch nicht einmal ins Schwitzen brachte. Nach kapp einer Stunde gelangten 3 Gruppen zu einem Punkt, wo die Bergfuehrer unterhalten eine Entscheidung trafen, und wegen eines Lavinenganges von der Hauptroute auf eine anspruchsvollere Route umschwenkten. Nun ging es teilweise so richtig steil ueber Felsvorspruenge im Eis, wo der Eispickel nicht mehr als Spazierstock wirkte, sondern einen Aufstieg erst ermoeglichte. Die Nacht war Sternenklar und der Halbmond lauerte bereits hinter der oestlichen Bergflanke. Ein atemberaubendes Panorama lag vor meinen Augen, mit dem dazuhehoerigen Schub Adrinalin in meinen Adern gelangten wir auf 5400m auf einen Grat. Nun sahen wir, dass weiter rechts von uns 2 andere Gruppen mit ihren Stirnlampen am Aufstieg waren. In der naechsten Stunde sollten die Lichter der auf der unserigen Seite Aufsteigenden Gruppen immer kleiner werden, um bald umzukehren. Mit ging es jedoch noch prima, ausser dass Raul meinte, wir waeren erst auf 5500m, dabei dachte ich schon, wir waeren mindestens ueber den Gipfel des Himalaja aufgestiegen. Nun lag eine Gruppe von der rechten Seite direkt vor uns, die sich langsam absetzte, weil ich in der Todeszone das ungute Gefuehl hatte, erst einmal einen Toilettengang einschieben zu muessen. Ganz gleichmaessig Steil zieht sich der Chimborazo nun in die Hoehe. Soweit wie ich auch schauen konnte, am Horizont waren immer nur Schnee und Eis und keine allmaeliches Abflauen der Kruemmung zu sehen. Die Schritte wurden schwerer und schwerer. Der Puls schnellte in die Hoehe, bei jedem Schritt mindestens 10 Schlaege pro Minute. Doch manchmal war ich froh, und das gab mir auftrieb, wenn nicht ich hinten am Seil zog und nach einer Pause heuchelte, sondern Raul zum durchatmen stehen blieb was sich fuer mich bei einem lockern des Seils zeigte. Nun naeherten wir uns der 6000′er Marke. Ich hatte aber schon vor Stunden aufgehoert nach der Hoehe zu fragen, weil das eher einen frustrierenden Effekt auf mich auswirkte. Die 6000m wirkten sich allerdings hinsichtlich meiner Kondition extrem negativ aus. Von nun an tat jeder Schritt weh, wie der eines 80- jaehrigen der vor Altersschwaeche aus dem Rollstuhl kaempfend den Weg zur Toilette sucht. 10 Schritte laufen undeine Puls haben, der voermlich explodiert, das sind neue Erkenntnisse fuer mich!

  Die Whymer Huette in 5000m ist Ausgangspunkt fuer die Besteigung des im Hintergrund liegenden Gipfels, bei dem in 6000m Hoehe die Luft exterem duenn zum Atmen wird.

Die Nacht verzog sich stillschweigend und das erste Tageslicht rueckte naeher. Es ging auf 6 Uhr zu, 6 Uhr, das hiess mindestens 2 Stunden extremer Quaelerei lagen hinter mir und eine weitere musste folgen, sollte ich den Gipfel erreichen. Wie im Delirium stapfte ich weiter, nur um auf die Frage von Raul nach meinem Zustand einen Daumen nach oben zu zeigen. Nur nicht jetzt aufgeben, der Gipfel ist keine Stunde mehr entfernt, ich muss es schaffen! Endlich kam ein kommentar von Raul, es sei nicht mehr weit. Und tatsaechlich liess die Steigung bald darauf etwas nach. Ich dachte es waere geschafft. Aber von der anderen Gruppe die vor uns lag, war nichts zu sehen. Da erblickte ich den wirklichen Gipfel etwas weiter linker Hand, der durch eine kleine Senke zu erreichen war.  Fuer einen Moment dachte ich Raul wuerde jetzt umdrehen, ich haette es gefuehllos hingenommen. Aber dann bog er doch noch in die Senke ein, um die letzten Schritte zum Gipfel in Angriff zu nehmen. Es war geschafft! Wolkenumgeben stach die 6310m hohe Spitze des Chimborazo heraus. Um 6.51 Uhr sank ich in die Knie und heulte einfach nur, nach solch einer Verausgabung wie ich sie in meinem Leben nicht haette vorstellen koennen. Wir machten ein Gipfelfoto, tranken bei angenehmen -6 Grad einen Schuck heissen Tee, assen etwas Schokolade. Nach 20min stand ich wieder auf, kotzte alles wieder aus und machte mich auf eine 2-stuendige Abstiegstour gefasst. (Das Gipfelfoto gibt’s in der englischen Version)

Zurueck auf 5000m Hoehe, in der Schutzhuette, legte ich mich pratsche breit auf die Bank, atmete fuer 20min tief durch, schnappte mir meine restlichen Sachen und rutschte zur 4850m Huette. Nochmals eine Stunde Erholung goennte ich mir, bevor es mir bei den 4 Grad zu kalt wurde. Leider musste ich ja meine schoenen warmen Sachen in Kolumbien zurueck lassen und die Ausruestung der Besteigung musste ich nun auch wieder abgeben. Gegen Mittag sass ich also auf knapp 5000m in den Startloechern, um maechtig an Hoehe und damit Kaelte zu versenken. Nach 105km zog ich auf 2200m Hoehe die Bremsen, um Tags darauf voellig aus den Anden ins westliche Schwemmland abzufahren.