Angriff der roten Blutkoerperchen
Seit ueber einer Woche bewege ich mich nun schon in hohen Gefilden. Die Anden, ein echt tolles, unbeschreiblich und unvergessliches Erlebnis. In meinen kuehnsten Traeumen haette ich mir diese faszinierende Bergwelt nicht vorstellen koenne. Das Tal des Magdalena verengte sich nun zusehens. Die Andenauslaeufer rueckten immer naeher und zwangen mich schliesslich in den Schleichgang. Das geschah vor San Agustin, einem herrlichen Oertchen in 1700m Hoehenlage, nur etwa 30km abseits meiner Hauptroute. San Agustin ist ebenfalls wie Honda ein Touristenort. Nur das ich hier auch mal auf auslaendische Touris traf, was seit Cartagena nicht mehr der Fall war. Auf meiner schlechten Strassenkarte war bei San Agustin der "Parque Archeologico San Agustin" vermerkt. Was sich genau dahinter verbarg, konnte ich nur schwer erahnen. Letztlich war ich doch sehr positiv ueber den Park ueberrascht. Es gibt eine ganze Reihe Ausgrabungen zu bestaunen, die alle samt unter dem Schutz des UNESCO Weltkulturerbes aufgenommen sind. Teils riesige Skulpturen kamen bei den Ausgrabungen der vergangenen 80 Jahre zum Vorschein. Sowie eine sehr interessant angelegte Waschanlage, die in das Gestein eines Flussbetts eingemeisselt wurde.
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Skulpturen der San Agustin Kultur
Als Hoehepunkt gab es eine Ausgrabung auf einem angrenzenden Berg zu bestaunen, von wo ich die tolle Aussicht auf die fruchtbaren Talhaenge um San Agustin genoss. Ich erreichte den Ort bereits Tags zuvor und hatte von einer "Casa de Ciclistas" erfahren. Das Haus steht offen fuer vorbeikommende Tourenradler, so wie ich. Leider stand das Haus nicht offen, denn niemand war zu Hause. Jedoch gibt es grosszuegig angelegte Ueberdaecher, unter denen es sich hervorragend schlafen laesst und die auch noch genug Platz bieten, um mein mittleweile voellig verschmutzt und durchnaesstes Zelt ueber eine Leine zu haengen. Bei genauem erkunden fand ich sogar eine Toilette und eine Dusche unverschlossen vor. Damit hatte ich auch schon alles was ich brauchte, denn den Duschraum funktionierte ich kurzer Hand als Stauraum fuer Fahrrad und Sachen um. Mit einem Vorhaengeschloss davor konnte ich also unbeschwert den Tag im Park herumschlendern und ebenfalls den Ort besichtigen.
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ganz vorbildlich wird in Kolumbien auch zwischen vollgefederten MTB’s und Rennraedern auf Warnschildern unterschieden. Man will ja wissen, mit wem man es zu tun bekommt…
Die Casa wurde von den deutschen Igel und Paola nach Beendigung ihrer Radtour errichtet. Eine sehr gute Idee wie ich finde. Und ueber’s Internet findet man noch eine Reihe anderer Casa de Ciclistas, die sich in Lateinamerika verteilen. Vielleicht werde ich zum Ende meiner Radtout noch eine weitere Casa in Peru ansteuern. Davon hatte mir naemlich bereits der Pole Tomasz berichtet, den ich in Guatemala traf. Gegen ende des Tages kehrte ich zur Casa zurueck. Ein Columbianer ueberholte mich auf dem Privatweg und wir kamen ins Gespraech. Es war Teo, der Nachbar von Igel und Paola, der in ihrer Abwesenheit das Grundstueck auf Vorderman haelt und nach dem rechten schaut. Ich erzaehlte ihm, das ich hier letzte Nacht bereits geschlafen haette und meine Sachen in der Dusche eingeschlossen hatte. Teo besorgte mir kurzer Hand den Schluessel fuer die Kueche, denn diese soll ebenfalls den Radfahrern zur Verfuegung stehen, auch wenn die Eigentuemer nicht da sind. Das fand ich sehr nett, auch wenn ich die Kuechenutensilien nicht benutzen musste, so konnte ich doch von nun an die Dusche zu ihrem eigentlichen Zwecke wieder frei geben und meine Sachen in der Kueche lagern. Abens sass ich noch lange auf der Terrasse und schmoekerte in aelteren "Spiegel" Ausgaben und lass mir in einem Kolumbien Reisefuehrer ein paar mehr Informationen ueber Land und Leute an. So kam es, das ich letztlich drei Naechte dort zubrachte und meinen Beinen noch eine extra Pause beschehrte, bevor es so richtig in die Anden-Achterbahn gehen sollte. Eine Andere Sache die jedem Radler der die Casa bezucht zu teil wird, ist die pflanzung eines Baumes im Garten. So zogen Teo und ich mit dem von mir auf die schnelle angefertigtem Namensschild, bewaffnet mit einem Spaten und einem kleinen Obstbaeumchen los, um eine geeignete Stelle fuer die Pflanzung am Hang zu finden. Teo zeigte mich auch ein paar Baeumchen von anderen Radfahrern. Mal sehen, wenn ich das naechste mal komme, kann ich vielleicht schon bei der Ernte mithelfen…
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Namensschild fuer den Baum bei der Casa de Ciclistas
Voller Energie getankt verliess ich San Agustin am 16.03. und radelte mal 10km hoch, mal 10 runter die 160km nach Mocoa in einem Stueck. Dabei bewegte ich mich in Hoehen zwischen 290 bis 2100m. Alles war sehr einfach zu fahren und ich rollte auf klasse ausgebauten Strassen dahin. Doch in Mocoa hoert die Welt dann auf. Auf Schotter geht es 10km bis zu einer Kreuzung, wo man sich entscheiden muss. Entweder nach links, weiter ins Amazonas Flachland und in die Dschungelgrenzregion zu Ecuador und damit in das von Guerilla belagerten Gebiet, oder nach rechts, in eine schier unendlich erscheinende gruene Mauer der Anden. Das sollte wohl mein Weg sein, der Weg nach Pasto. Unmittelbar nach der Abzweigung wird es auch schon ernst und die Piste gewinnt zusehens an Hoehe. Nach 15min war dann erst einmal kurzzeitig eine Pause drann, nich weil ich schon ausser Atem waere, sondern weil ich einen Platten im Hinterrad verspuerte. Ich riss mir auch gleich bei der Suche nach dem "etwas" im Mantel den Finger auf. 2 kleine Metalnadeln hatten sich durchgebohrt. Nun war es schon Mittag und ich wusste nicht, wo es mich fuer heute Nacht hinverschlagen sollte. Vor mir sah ich nun in bereits schwindelerregender Hoehe die Antennen von El Mirador. Diese Strecke ist wirklich nichts fuer Nervenschwache. Des oefteren verengte sich die Piste, bedingt durch Erdrutsche. Einige Male musste ich mit dem Rad durch die Fluten eines abstuertzenden Gebirgsflusses pfluegen, bei dem meine Lowridertaschen "Land unter" meldeten. Zig mal musste ich in Ausweichnischen fahren, um dem Schwerlastverkehr freie Fahrt zu gewaehren. Jedesmal wenn ich das donnern eines LKW’s hoerte, dachte ich, meine Guete, wie kann man nur mit solchen Fahrzeugen auf dieser Strecke unterwegs sein. Die gleichen Blicke erntete natuerlich auch ich von diesen Fahrern, die teilweise Kopfschuettelnd abwinkten oder vor erbarmen mir einen Platz auf ihrer Ladeflaeche anboten. Doch ich fuehlte mich Pudelwohl und konnte alle Angebote ausschlagen. Geschlagen habe ich dann auf 1900m Hoehe, mitten im Gebirge bei einem Steinbruch, der fuer Strassenausbesserungsmassnahmen angelegt wurde. Weiter ging es tags darauf Erbarmungslos nach oben, bis ich irgendwann den Blick in ein 2000m hoch gelegenes Hoehental frei bekam. Nun ging’s wie im Sausewind 15km runter, 20km ueber die Ebene und danach endgueltig hoch auf 3250m in den Paramo. Ein Soldat berichtete mir, jetzt gehts nur noch runter bis Pasto. Damit rueckte der Ort sogar noch heute in greifbare Naehe. Doch weit gefehlt, Herr Soldat, da gibt’s naemlich noch ein weiteres Hochtal in 2600m Hoehe und danach gehts nochmal rauf auf 3100m. Aber davon hat der Soldat wahrscheinlich noch nie etwas gehoert. So musste ich eine weitere Nacht auf halber Strecke campieren.
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vom oberen Magdalenatal in die luftigen Hoehen der Anden
In Pasto hielt ich mich dann auch gar nicht lange auf und fuhr die 20km schnurstracks Bergauf. Von nun an allerdings wieder auf bestem Strassenbelag, dem Belag der Panamericana. Begleitet wurde ich von tausenden Pilgerern, die sich am Gruendonnerstag auf den etwa 80km langen Marsch nach Ipiales aufmachten. Ich konnte nicht genau herausfinden, wo sich die Pilgerstaette befand, allerdings pilgerten die Leute Tag und Nacht, wie es schien - Pausenlos! Ich goennte mir bei Sonnenuntergang jedoch noch eine letzte Pause und ein letztes Zeltlager nun mittlerweile hoch ueber dem Cañon, bevor es am Karfreitag zum Grenzuebergang nach Ecuador weiterging. An jenem letzten Tag in Kolumbien war ich noch zusaetzlich von hunderten von Radsportlern begleitet, die gemeinsam mit mir die letzten Hoehenmeter hinauf nach Ipiales keuchten. Fuer mach einen Radsportler war das allerdings ein frustrierendes Erlebnis, wenn ich mit meinem schwer bepackten Drahtesel wie eine Dampflock mit 10km/h an ihnen vorbei schnaufte. So manch einer verausgabte sich bei dem Unternehmen, sich nicht von so einem, mit zerrissenen Klamotten daherkommenden Radnomaden, abhaengen zu lassen. Die etwas fitteren Radsportler schwaetzten ein wenig mit mir, gaben mir einen Powerriegel und zogen an mir vorbei, als ob ich stehen wuerde. So manchmal dachte ich, wie wuerde das jetzt sein, wenn ich mein vollbepacktes 65kg schweres MTB gegen ein 10kg leichtes Rennrad eintauschen koennte.
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ein letztes mal werde ich noch wach… und dann koennte ich auch schon wieder fast einschlafen beim Warten fuer die Stempel
So erreichte ich nach 3 Wochen Kolumbien die ecuadorianische Grenze und wartete bei starkem Osterreiseverkehr 4 Stunden fuer die Stempelei - was lange waehrt, wird gut, und so erreichte ich ohne groessere Zwischenfaelle Ecuador, das 10. Land meiner Lateinamerika Tour. Und nach ueber einer Woche in entsperchenden Hoehenlagen vermehren sich die roten Blutkoerperchen weiterhin ganz praechtig in meinem Blutgefaesssystem…
