Vamos por Colombia
Nach genau 1000km des radelns durch Kolumbien will ich heute ein kleines Fazit geben. Zuerst ist Kolumbien garnicht so boese wie es in der Vergangenheit sicher war, als Drogenkartelle nicht nur ganze Staedte, sondern komplette Landesregionen unter ihrer Kontrolle hatten. Doch das Land befindet sich im Wandel, und das weitestgehend abgeschirmt von der Weltoeffentlichkeit. Nun war ich gerade 24 Stunden im Land, da verfolgte ich die Nachrichten, die nun jedoch ausnahmsweise mal um die Welt gingen. Die Nummer 2 der FARC Rebellen wurde auf ecuatorianischem Gebiet vom kolumbianischen Militaer getoetet. Uribe, der konservative Praesident Kolumbiens, legt alle Mittel an, die auf etwa 15.000 Leute starke Guerilla weiter zu schwaechen. So, es sind also 15.000 die gegen einen Staat von 42 Millionen kaempfen. Das ist sicher ein stolzes Heer, wenn man es mit der staerke der RAF zu seiner Bluetezeit in Deutschland vergleicht. Jedenfalls steht hier nicht ein Guerilla an jeder Ecke rum und guckt in sein Maschinengewehr, bis mal ein Tourist vorbeischneit, den er entfuehren kann. Damit ist die Gefahr einer Entfuehrung allerdings nicht ausgeschlossen.
Ankunft in Cartagena, Kolumbien
wieder festen Boden unter den Fuessen
Zuerst kam ich also in Cartagena an, der sicher bezaubernsten Stadt ganz Suedamerikas. Das habe ich in verschiedenen Quellen gelesen und lasse diesen Satz jetzt mal so stehen. Ein grosses Urteil kann ich mir ja nicht ueber andere Staedte Suedamerikas erlauben, weil Cartagena die erste Stadt ist, die ich je in Suedamerika besucht habe. Allerdings beeidruckte mich die Ankunft mit der Estella Luna ueber den Seeweg schon sehr. Die Altstadt jedoch ist sehr schoen herausgeputzt und wunderschoen, mit ihren Kolonialbauten und den Balkonen, die hier ueberall die Fasaden schmuecken. Zudem gibt es eine komplett erhaltene Stadtmauer und eine riesige Festung. Sicher genug Besichtigenswertes um mindestens eine Woche aufenthalt zu rechtfertigen. Doch nach 2 Tagen Aufenthalt und nun mittlerweile einer Woche ohne Radfahren kribbelte es doch ganz schoen im Po. Generell standen mir 3 Hauptrouten zur Auswahl. Zum einen war da der direkte Weg ueber den westlichen Andenfluegel, der Stadte Medellin und Cali folgend zur ecuadorianischen Grenze. Der oestliche Andenfluegel ueber Bogota waere eine weitere Variante. Ich entschied mich aber, durch die goldene Mitte, dem Flusslauf des Rio Magdalena folgend, zu fahren. Hier gibt es allerdings keine Art von Schnellstrasse, die von Barranquilla, der Flussmuendung, bis zu den Quellen um San Agustin. Vielmehr ging es ueber Strassen aller Oberflaechentypen, mit Faehren verschiedenster historischer Zeitalter, sowie mit Schnellbooten ueber Streckenabschnitte wo keine Strassen existierten.
Ich fuhr also durch den veraemten Norden zuerst. Hier gehen die Cowboys in den savanneaehnlichen Steppenlandschaften noch traditionell ihrem Treiben nach. Ueberhaupt ist in Kolumbien das Leben wieder zurueck auf die Strasse gegehrt, nachdem es in Costa Rica und Panama ja eher westlich zur Sache ging. Es war mal wieder drueckend Heiss, und das ist es jetzt auch noch, wo ich 1000km weiter Landeinwaerts aus der Stadt Neiva schreibe. Die Temperatur richtet sich hier sowieso nicht in Regionen nach Himmelsrichtungen, sondern generell nur nach der Hoehe. Und soweit befinde ich mich immernoch in der Hoehe unter 1000m, die als heisse Zone beschrieben wird. Doch morgen geht es num ersten Mal in die warme Region (1000-2000m) und spaeter auch in die kuehle (bis 3000m) Region uns selbst der Paramo, die kalte Region von ueber 3000m wartet auf mich, bevor ich Kolumbien verlasse.
Cowboy in der Magdalena Region
Noch einaml zurueck in die heisse Region. Gleich am Abend meines ersten Tages hatte ich Probleme, einen Platz zum Zelten zu finden. Nicht das es genuegend Plaetze gibt, doch nach meinem Ueberfall in Nicaragua ziehe ich die menschliche Naehe vor. So fragte ich mich durch die Cowboy Haciendas, nach ein paar Quadratmetern zum Zelten. 6 Anlaeufe brauchte ich an jenem Abend, um das Vertrauen einer Person gerecht zu werden. Am zweiten Abend, bei meiner ersten Begegnung mit dem maechtigsten Fluss Kolumbiens, dem Rio Magdalena, sah es nach dem gleichen Muster aus. Doch nach dem ersten Nein fragte ich den Gruendstuecksbesitzer nachdem warum und erklaerte noch einmal genau wer ich bin, was ich mache und alles was ich will ist ein Fleckchen Gras in der Umgrenzung seines Stacheldrahtzauns. Das nahm dann wohl die Furcht des Auslaenders, der da hereingeschneit kommt, ein bisschen. Mit der Faehre schipperte ich am fruehen morgen fuer knapp eine Stunde zum ersten Mal ueber den Magdalena. Der Fluss ist so gewaltig und hat soviele maechtige Arme, das man in dieser Seenlandschaft schnell den Ueberblick verliehren kann. Also Vorstellung wuerde ich es mal mit der Havellandschaft im norddeutschen Raum vergleichen, nur 20 mal so gross! Die braunen Wassermassen schiessen foermlich an mir vorbei, Treibholz, Baumstaemme, ja ganze Baeume werden vorbei geschwemmt. Und dazwischen tuckern wir mit unserer 100-jaehrigen Faehre, wie es scheint, hindurch.
Auf dem guten alten Stueck Eisen ueber den Magdalena Fluss
40km spaeter, an einem weiteren Magdalena Arm gelegen, erreichte ich Mompos, eine kleine Kolonialstadt. Eigentlich wollte ich hier eine Nacht verbringen, es war aber noch frueh am Nachmittag und Zeit, weitere Kilometer auf einer staubigen Lehnpiste Stromaufwaerts zu fahren. Entsprechend eingedreckt war ich am Ende des Tages und brauchte dringend eine "Katzenwaesche". Kurz vor Guamal gibt es seit kurzem eine Bruecke ueber den Fluss und am Ort sollte mein Nachtdomiziel erreicht sein. Einen Sprung in die schlammigen braunen Fluten wagte ich nicht, so wusch ich mich aus einem traditionellen Kanu im sitzen. Schnell verbreitete sich die Nachricht im Dorf, nicht dass sich einer mit komisch gestreifter Hautfarbe (an manchen Stellen bin ich braun wie die Einheimischen, andere sind jedoch weiss wie Kaese) hier badet, sondern ein deutscher mit dem Fahrrad von Mexiko kommend bei uns Zeltet. Ganze Schulklassen kamen mich "besichtigen" und bestaetigten mir das hier noch niemals jemand einen Auslaender mit dem Fahrrad gesehen haette.
Erst Freud, dann Leid. Schulklassenbesuch und naechtlicher Diebstahl (ich sah den Dieb und der war eindeutig zu alt um der Schulklasse eine Schuld einzuraeumen)
Das sollte allerdings noch lange nicht genug Trubel fuer den Abend bzw. die Nacht gewesen sein. Ich darf mir auf solch einer Radtour keine Fehler erlauben - wie oft habe ich mir selbst diesen Spruch eingeblaeut. Doch in jener Nacht oder besser in den spaeten Abendstunden unterlief mir ein Fehler in meinem Sicherheitssystem. Eine Person machte sich an meinem Fahrradschloss mit einem Messer zu schaffen und musste einsehen, das ein Messer noch immer keine Stahlseile durchschneidet. Jedoch flinke Finger durchaus in der Lage sind,m einen betraechtlichen Teil meiner Ausruestung verschwinden zu lassen. In diesem Falle waren es 12 Kleidungsgegenstaende, von Unterwaesche, ueber Shirts, Pullover bis hin zu meiner Regenjacke. Von all dem fand ich am naechsten Morgen nur ein paar Socken und meine zerschlissene Hose wieder. Gefaehrliches Kolumbien?! Und weiter ging es mit Teil 3 in dieser Nacht. Ein abscheuliches Gewitter zog auf und brachte einen noch abscheulicheren Regen hernieder, wie ich ihn in meinen Lebtagen noch nicht gesehen habe. Ich dachte schon mein ganzes Zelt schwebt inklusive der Heringe im Boden, ueber die Klippe hinweg in die ewigen Fluten des Magdalena. Zum Glueck kam es nicht so weit und so musste ich mich "nur" mit einer voellig aufgeweichten Lehmpiste auf den naechste 40km bis El Banco durchquaelen.
Fahrradtransport begutachtet Fahrradtransport
In El Banco landete ich in einem Hotel ohne fluessend Wasser. Ueberhaupt habe ich in den ersten 4 Tagen seit Cartagena kaum fliessend Wasser gesehen. Normalerweise besorgte ich mir mein Trinkwasser von Tankstellen. Hier hatten die Tankstellen aber nur ein dreckiges Fass mit einer Schicht Mototenoel anzubieten. Spaeter in der Nacht hatte ich auch keinen Strom mehr im Hotel, weil ein weiteres maechtiges Gewitter die gesamte Stadt ausgeschaltet hatte. Zum Glueck regnete es in stroemen, und so sicherte ich mir mein Trinkwasser durch Auffangen im Kochtopf aus dem Regenwasser. Damit ihr eine Vorstellung davon habt, wie stark der Regen fiel. Fuer einen Kochtopf voll Wasser ca.1l brauchte ich 1:20min, bei einem Kochtopfdurchmesser von gut 20cm. Das ist eine sagenhafte Regenspende die mich als Ingenieur in Deutschland bei der Planung vor maechtige Probleme setzen wuerde. Aber zum Glueck sind wir in Kolumbien, und da ist das gar kein Problem - Lapaloma olĂ©…
Im Motorboot 9 Stunden ueber den Fluss
Von El Banco fuhr ich im Motorboot vielleicht so um die 200km Stromaufwaerts. Vielleicht waren es noch einige Kilometer mehr, denn wir fuhren in einem Affenzahn in Schlaengelfahrt um Treibholz und so einige andere Sachen, die so schwimmend an der Wasseroberflaeche treiben. Nach 4 Militaerkontrollen mit einer Passkontrolle und 3 Gepaeckdurchsuchungen kam ich nach 9 Stunden in Barrancabermeja an. Hier befindet sich das Erdoelzentrum des Landes. Ueberall waren Oelbohrturme und Oelfoerderanlagen zu sehen. Barrancabermeja hat auch die groesste Erdoelraffinerie des Landes. Nach einer weiteren Hotelnacht sauste ich nun, mit gutem Rueckenwind und ansprechender Teerstrasse, meine laengsten Tagesetappen dahin. Bald gab es Abwechslung fuers Auge, denn die ersten Andenauslaeufer rueckten naeher ans Flussbett. Zudem durchradelte ich eine touristische Gegend um der Stadt Honda. Viele Hotels haben hier Freibaeder, da fiehl es mir einfacher einzuchecken und mich mit der Tatsache abzufinden, das eine Nacht im Zelt in Kolumbien eher die Ausnahme beschreibt. Doch letzte Nacht habe ich wieder gezeltet und dann weiss ich auch genau wo mein Herz schlaegt, wenn ich den Sonnenuntergang beobachte, mein Sueppchen unter dem Pfeifkonzert von hunderten tropischer Voegel, dem zirpsen der Grillen, dem Froschkonzert oder einfach nur dem heulen des Windes lauschend zubereite und in der Natur bin.
Jetzt rufen die Anden, und davon berichte ich Euch das naechste Mal - wenn mich nicht die Guerillia’s wegfangen.
