Zu Gast bei den Kuna Yala Indianern
Nachdem es seit der starken indigenen Bevoelkerung in Guatemala (60%) in den uebrigen mittelamerikanischen Laendern eher kaum Ureinwohner gibt, ist Panama mit etwa 9% Ureinwohnern am Anteil der Gesamtbevoelkerung des Landes wieder staerker am Kulturmix vertreten. Die verschiedenen indigenen Gruppen verteilen sich ziemlich gleichmaessig, von ost nach west uebers Land. Eine Ecke des Landes wollte ich unbedingt besuchen, und zwar die der unter den Kuna Indianern autonom verwalteten San Blas Region. Doch damit hoert meine Erzaehlung ueber Panama auf…
Hier ein Vorgeschmack auf den Abschied aus Panama
Das letzte Land mittelamerikas war erreicht, und nach den ueblichen Grenzformalitaeten ging es recht zuegug auf der nun gut ausgebauten vierspurigen Panamerikana mehr Richtung westen als sueden. Das merkte ich auch schon bald daran, dass ich keine grandiosen Sonnenuntergaenge an Pazifikstraenden hatte. Im Gegenteil, nun tauchte die Sonne sogar aus dem Pazifik auf, welch verkehrte Welt, dachte ich. Die erste Stadt, David, war bald erreicht und beim Gang in den Supermarkt traute ich meinen Augen nicht. Was hat das Land zu bieten, was mir die beste Auswahl an Lebensmitteln bescherte, seit ich Montreal verliess? A-ha, ein Kanal! Und diesem Kanal verdankt Panama ueberhaupt seine existenz als Staat. Dieser Kanal ist bei weitem der wichtigste Wirtschaftsfaktor des Landes. Aber die Wirtschaft brummt hier erst seit 8 Jahren, denn bis zur Jahrtausendwende haben die Amerikaner die Kanalzone unter ihren fittichen gehabt. Nun wird kraeftig investiert in den Ausbau und die Verdoppelung seiner Kapazitaet. Nach und nach spueren die Bewohner des Landes in allen Ecken etwas davon, denn ein Grossteil des Profits wird in den Ausbau der Infrastrucktur investiert. Unter diesen Vorraussetzungen stimmten die Bewohner Panamas in einem Referendum fuer den Ausbau des 1913 eingeweihten Kanals. Jetzt gibt es Fussgaengerbruecken ueber die Panamerikana, die dem Schwerlastverkehr und vorallem tausenden von Sandtransportern freie Fahrt geben soll, die diese bestimmte Sorte von Sand in der Region um David abholt, die zum Ausbau des Kanals noetig ist. Ich hatte wohl Glueck, denn noch rollen die Sandlaster nicht…
Zahlreiche Autofahrer gaben mir quer durchs Land nicht nur anfeuernde Rufe, sondern auch reichlich Bier oder wie im falle von Pedro, auch Einladungen. Das ist ein sehr schoenes Gefuehl, gleich vom ersten Moment in einem Land sich willkommen zu fuehlen. Pedro und Virginia ueberholten mich mit einem Motorad hinter David, und ich sollte doch unbedingt mal vorbei schauen. Das dauerte dann etwa 24 Stunden fuer mich, bevor ich nach fluechtigen Wegbeschreibungen tatsaechlich Pedro in einer Haengematte schlummern sah. Er und seine Frau sind auch praktisch zugezogene, aus Puerto Rico. Doch wie ich schon bald mitbekam, fuehlten sie sich pudelwohl hier. Erst vor kurzem hatten sie ein stueckchen Land erworben, wo nun nach einheimischen Methoden kraeftig gewerkelt wird. Pedro ist sehr umgaenglich mit Menschen und ist nach der Reparation einer Zuckerrohrmaschine der Star unter den Nachbarn und hat sich in kurzer Zeit Ansehen verschafft. So wurde ich auch gleich in die Geheimnisse der Zuckerrohrpflanze, ihres Safts, Sirups und Zuckers eingeweiht. Die Nacht verbrachte ich gleich schlafenderweise unter einer Veranda - es regnete wie verrueckt.
Regen, das ist soetwas wie ein Phaenomen im Februar. Vielleicht vergleichbar mit Schnee bei uns im Juli. Hier gibt es naemlich eine Trockenzeit und eine Regenzeit. Die Trockenzeit ist von Dezember bis April. Somit sollte es normalerweise verdammt trocken um diese Jahreszeit sein. Aber darauf ist kein verlass, denn seit ich durch Panama radle, regnet es jeden Tag. Also nicht der miese Landregen, so eher gewaltige tropische Schauer, die sich oertlich entladen. So war ich froh doch vorerst einmal weiterhin auf ansehlichen Strassenbelaegen zu gleiten.
Nach etwa 500km im Land erreichte ich soetwas wie das grosse Finale. Die Puente de las Americas kam in Sichtweite. Das ist die Bruecke die hier nicht nur den Panamakanal ueberspannt, sondern aehnlich wie der Bosporus Europa mit Asien verbindet, hier die offizielle Grenze zwischen Nord- und Suedamerika bildet. Das grosse Finale ist aber auch gleichzeitig ein abenteuerlicher Neubeginn meiner Reise, mit der Fortsetzung nach Sueden. Zuerst stand jedoch Panama Stadt auf dem Programm. Eine Stadt, so anders, wie seine Supermaerkte, vom restlichen Mittelamerika. Hier ueberragen unzaehlige Wolkenkratzer die Szene. Ein Finanzzentrum entstand im laufe der Jahre, bedingt durch den Kanal. Doch es hat auch eine schoene Altstadt, wo ich gleich fuer zwei Naechte Quartier bezog. Nur musste ich schon ein bisschen vorsichtig die Wege wahlen, durch die ich schlenderte, denn die Stadt ist nich ungefaehrlich. So spazierte ich nichtsahnend an der Uferpromenade entlang und wurde Augenzeuge einer Messerstecherei zweier schauderhaft aussehender Typen. 180 Grad kehrtwende war da das richtige fuer mich, gerade wenn ich die Taschen voller Bargeld hatte, um meine Fortsetzung der Reise finanzieren zu koennen. Da waren naemlich 295$ faellig, um von Panama nach Kolumbien zu segeln. All diese Dinge machte ich hier in Panama Stadt ausfindig und hatte nun gar nicht mehr richtig viel Zeit, mir all die sehenswerten Dinge in der Umgebung anzuschauen.
Die genauere Besichtigung des Kanals wollte ich allerdings nicht auslassen und fuhr zu den nahegelegenen Miraflores Schleusen. Dort werden die riesigen Ozeandampfer auf zwei Stufen etwa 30m gehoben, um, nach einer dritten Stufe ueber den Gatun See Richtung Atlantik zu schippern. Dort geht es natuerlich die drei Stufen wieder runter. In Miraflores kann man alles genau beobachten. Vormittags kommen die Schiffe vom Pazifik und Nachmittags vom Atlantik, denn der Kanal laesst nur ein Einbahnverkehr an der engsten Stelle, dem Gaillard Schnitt, der ehemaligen Wasserscheide zwischen den Ozeanen, zu.
Miraflores Schleuse, Panamakanal
Von den Schleusen aus ging es noch einmal so richtig in den Verkehrsdschungel von Panama Stadt hinein. Ueber Autobahnen, durch Berufsverkehr und extreme Abgase pedalte ich weiter gen osten, vorbei am nationalen und internationalen Flughaefen. Erst danach wurde es ruhig, sehr ruhig. Die Panamericana geht zwar noch gute 200km weiter bis in den Darien, doch dann ist Schluss. Es gibt keine direkte Strassenverbindung zwischen Kolumbien und Panama. Von einer Buschwanderung ist momentan auch eher abzuraten. Num einen, weil die Trockenzeit nicht trocken genug ist. Zum anderen, weil die Sicherheitslage seit mehreren Jahren im Grenzgebiet sehr instabil ist und viele Guerillas beheimatet. So fuhr ich an diesem Tage die letzten 110km auf der Panamericana bis zur Kreuzung La Llamos. Bereits einige Kilometer zuvor, in Chepo, hoert die Zivilisation auf. Hier nutzte ich die letzte Moeglichkeit, meine Taschen mit allerlei essen vollzustopfen. Denn nun sollte ich unter Umstaenden mit Verzoegerungen meiner Weiterreise rechnen. Alles was ich wusste war, dass am Sonntag jemand mit dem Boot von der San Blas Insel Carti ans Land kommt, um mich zum kolumbianischen Kapitaen Hernando und seiner Estella Luna, einem 10m Segelboot, zu bringen. Die Abfahrt jedoch war ungewiss, weil sich noch nicht genuegend Reisende gefunden hatten, die mit mir die Seereise antreten wollten.
Ganze 45km trennten mich also noch vom Abzweig der Panamericana bis zur Karibik. Alle Leute die mich nach meinem wohin fragten, verdrehten bei meiner Antwort Carti ganz schoen die Augen. So wusste ich bereits im Vorfeld, es werden sicher nicht die leichtesten meiner knapp 7000km. Doch als ich ein Schild zur "rehabitilation" der Strasse sah, dachte ich, es kann nicht so schlimm werden. Ersteinmal ging es supersteil hoch. Das zwang mich mal wieder in die unteren Regionen meiner 24 Gang Kettenschaltung. Der Pistenzustand war hier allerdings wie geleckt, da gab es nichts zu meckern. Nach einigem auf und ab hatte ich nach 18km die zu ueberwindende Hoehe von 512m geschafft. Hier beginnt auch das selbstverwaltete Gebiet der Kuna Indianer. Nun liess der Pistenzustand rapide nach und es wurde so richtig schoen schlammig. Doch erst einmal musste ich Schlange stehen, denn es gab einige Gelaendewagen die sich vor mir durch den Schlamm wuehlen mussten. Da schien ich mit dem Fahrrad eher die guenstigeren Voraussetzungen zu haben. Nach einigen Schlammloechern erreichte ich eine Stelle, die mir einen ersten Blick zur Karibik frei gab. Ich freute mich wie ein Kind, zum ersten mal seit Guatemala wieder an der Karibikkueste zu sein. Aber halt - noch trennten mich 25km! Diese hatten es in sich und waren viel kraefteraubender als der Anstieg und die Schlammloecher zusammen. Die Abfahrt wurde von etwa 20 Gegenanstiegen begleitet, wovon ich 16 nur unter extremen Schweissausbruechen schiebenderweise bewaeltigen konnte. Kurz vor Ende des Tages gab es noch eine schoene Flussdurchquerung mit gruendlicher Fahrrad- und Selbstwaesche. Gluecklich stand ich nun am Ende der Fluglandebahn, die direkt am Karibikstrand aufhoert und erntete bewundernde Blicke einiger Kunas. Ich hatte mein Zelt am Strand aufgebaut und kochte mein abendliches Sueppchen. gerne waere ich der Einladung einiger Indianer gefolgt, mit rueber auf die Insel zur Siedlung Carti zu kommen. Doch um mein Lager nun im dunkeln wieder abzubauen, dazu war ich viel zu muede. Schliesslich sollte ich am kommenden Tag ja von hier abgeholt und zu Hernandos Schiff gebracht werden.
Am Morgen kamen die ersten Einbaumkanus an. Bald wurde es richtig gesellig hier. Ich befand mich am Ende der einzigen Strasse, die in das Kunagebiet fuehrt. Dadurch kommen einige Reisende sowohl als auch viele Versorgungsgueter hier durch. Es war 6 Uhr morgens und immer mehr Leute trafen ein, warteten auf die ersten Gelaendewagen, die sich durch die Strecke quaelten. Irgendwann am spaeten Vormittag kam dann auch ein schwing Rucksackreisender an. Nun erfuhr ich, das Hernando nicht in El Porvenir war, sondern schon rueber nach Carti gekommen war. Dadurch war die Fahrt im halb sinkenden und mit Wasser volllaufenden Riesenkanu nocheinmal glimpflich fuer mich verlaufen. Andere "Backpackers" hatten nicht soviel Glueck und mussten zusehen, wie ihre Rucksaecke im Kanu im knietiefen Wasser versanken.
Verladung von Fahrrad und Gepaeck vom "sinkenden" Kanu und Ankunft bei Capitano Hernando
Bei der Ankunft auf Hernandos Boot kristallisierte sich auch heraus, wer zu meiner Reisecrew fuer die kommenden Tage gehoerte. Wir waren ein guter Mix und niemand kannte sich oder hatte sich zum ersten mal in Panama Stadt in einer Herberge getroffen. Nun waren wir also schon komplett und der Reise sollten keine Verzoegerungen mehr im Wege stehen. Da waren neben "El Capitano" nun neben mir, Angela (England), Helene (Frankreich), Ria (Kanada), Walter (Holland) und Travis (USA).}
El Capitano besorgt uns das Abendbrot, einen 1.20 langen Barrakuda
In Carti gingen wir zu Mittag an Land und assen einheimische Kueche. Heute, am 24.02. war auch ein besonderer Tag fuer die Kuna. Es ist ihr Unabhaengigkeitstag und es gab eine grosse Veranstaltung mit Theater und Tanz und anschliessender Feier. Doch bis in die abendlichen Stunden feierten wir nicht, denn wir wollten noch am Nachmittag weiter zur Insel El Porvenier. Die Insel ist gerade gross genug, um eine Fluglandebahn, eine Polizeistation und ein Hotel zu beherbergen. Und in dieser Polizeistation gab es Tags darauf auch unsere Ausreisestempel. Wir segelten weiter zu einer anderen Inselgruppe, nur 2 Stunden entfernt. Dort gingen wir zwischen 2 Inseln vor Anker und hatten 24 Stunden Zeit, um diese zu erforschen, an Traumstraenden zu baden oder einfach um Mini-inseln zu schnorcheln, um die sagenhafte Vielfalt des Korallenriffs zu erkunden. Am spaeten Nachmittag wurde eine Stunde weiter gesegelt um eine weitere Nacht bei einer anderen Inselgruppe zu verbringen.
Walter und Helene beim Ankerlassen
Ab und zu kamen ein paar Indianer mit ihren Kanus am Boot vorbei, die ihre Stickereien oder einfach nur frischen Fisch anboten. Die meissten Kuna leben auf extrem eng besiedelten Inseln und bilden somit eine grosse Lebensgemeinschaft. Privatsphaere ist hier ein Fremdwort und alles muss sehr harmonisch ablaufen. Dutzende kleinster Inseln sind unbesiedelt, viele andere beherbergen allerdings ein oder zwei Familien. Die Familien besitzen keine dieser Inseln, denn alles gehoert der Gemeinschaft. Auch leben die Familien nicht fest auf einer Insel, sondern ziehen nach einem Rotationsprinzip von Insel zu Insel. So wird keiner benachteiligt und niemand kann eine Insel z.B. an eine westliche Hotelkette verkaufen. Dadurch gibt es nicht wie in Belize sogenannte "Traumresorts", sondern alles ist ganz natuerlich. Ich habe niergendwo in meinem Leben solch eine perfekte Szenerie aus Sand, Palmen und blauem Meer gesehen. Da dachte ich schon Belize waere das non-plus-ultra gewesen, aber weit gefehlt!
Kuna Indianerin im Einbaumkanu
Nun wurde es langsam ernst, denn die lange und anstrengende Ueberfahrt nach Kolumbien stand an. Zuerst segelten wir nun mit Hilfsmotor fuer ein paar Stunden am Riff entlang, bis bei den Holland Cayos, einer weiteren Inselgruppe eine Oeffnung im Riff auftauchte. Von nun an standen uns strapazioese 50 Stunden auf offener See nach Cartagena bevor. El Capitano gab uns genauste Anweisungen, die wir strickt zu befolgen hatten. Ab jetzt gab es kein gemeinsames "Dinieren" mit Wein und Bier. Statt dessen assen wir instant Nudelsuppen die mit heissem Wasser uebergossen eine schnelle Mahlzeit darstellten. Alles andere war bei dem Wellengang voellig undenkbar und jeder von uns wurde mindestens einmal durchs Boot geschleudert und holte sich so seine blauen Flecken an der ein oder anderen Kante ab.
Capitano Hernando, mit sicherem Griff am Bier fuehrt er uns ums Riff
Es wurde im Schichtsystem gearbeitet, denn bei der Ueberfahrt gibt es keine Pause. So haben wir, die sechs Passagiere in Rotation jeweils 2 Stunden das Steuer uebernommen - Tag fuer Tag, Nacht fuer Nacht. El Capitano war immer an der Seite und schlummerte vor sich hin und gab uns den Kurs vor. Wir segelten nonstop mit Hilfsmotor gen 70 Grad ost. Ein paar mal mussten wir kreuzen um wieder auf Kurs zu kommen. Meine Schichten waren jeweils von 4-6 Uhr Morgens und Nachmittags, also zu Sonnenauf- und untergang. Unter Hilfe von Seekrankheitstabletten brauchte ich mich auch nur ein einziges mal am zweiten Tag zu uebergeben. Sobald man unter Deck ging wurde einem allerdings in Windeseile schlecht, so gingen wir nur zum schlafen unter Deck, oder der Versuch zu schlafen. Bald sah es im Boot aus wie nach einer wilden Party. Alles lag kreuz und quer verstreut, einige Wellen brachten so manchen Schub Wasser unter Deck. Die Toilette ueberflutete und es begann unangenehm nach Schweiss und sonstigen geruechen zu stinken. Aber das war ja alles nichts ungewoehnliches fuer mich, da ich mit etweigen geruechen bereits seit 4 Monaten lebe.
In Schraeglage bei der Arbeit (im Hintergrund gut verpackt mein Fahrrad)
Am zweiten Tag kam Land in Sicht, ja LAND IN SICHT!!! Jetzt kann ich diese freude mit den Seefahrern aus vergangenen Jahrhunderten teilen, die allerdings ueber viele Wochen diese Qualen ueberstehen mussten. Fuer mich war es auf diese Weise allerdings eine weitere tolle Lebenserfahrung und ein neuer Hoehepunkt einer unglaublichen Amerikareise.
